Verkleidete Kinder sammeln an Halloween Süßigkeiten an einer beleuchteten Haustür
Lesedauer 9 Minuten

Süßes-oder-Saures & Zuckerkonsum
– wie wir das handhaben

Ich muss gleich zu Anfang ehrlich sein: Bei uns gibt es kein Süßes-oder-Saures-Laufen.
Nicht, weil ich etwas dagegen hätte, dass Kinder verkleidet von Tür zu Tür ziehen und Süßigkeiten sammeln – sondern schlicht, weil es das bei uns in der Form gar nicht gibt. Wir wohnen hier oben in Schleswig-Holstein, und zu Halloween zieht bei uns niemand durch die Straßen. Es gibt keine Nachbarschaft, die mitmacht, keine Route, der man sich anschließen könnte.

Was wir stattdessen haben, ist Rummelpott laufen – zu Silvester. Das ist eine alte norddeutsche Tradition: Kinder ziehen am letzten Tag des Jahres mit einem selbstgebauten Rummelpott, einem Gefäß mit einer Art Reibetrommel-Mechanik, von Haustür zu Haustür, singen dort ein Lied und bekommen dafür Süßigkeiten oder ein kleines Taschengeld. Im Prinzip dasselbe Prinzip wie Süßes oder Saures, nur eben an einem anderen Datum und mit einer eigenen Melodie statt „Süßes oder Saures“.

Verkleidete Kinder mit Papiertüten stehen abends vor einer Haustür in einem deutschen Wohngebiet

Bei uns läuft so ein Abend ungefähr so: Nachmittags wird der Rummelpott nochmal hergerichtet, ein altes Gefäß, Pergamentpapier drüber, ein Holzstab in der Mitte, der beim Reiben dieses charakteristische brummende Geräusch macht. Dann ziehen wir los, meistens schon in der Dämmerung, mit Laterne, dick eingepackt, weil es Silvester bekanntlich selten warm ist. An den Türen wird gesungen, manchmal etwas holprig, manchmal mit viel zu viel Kichern dazwischen, und dann fällt entweder eine Süßigkeit oder eine Münze in die mitgebrachte Tüte. Am Ende des Abends kommen wir mit rot gefrorenen Wangen und einer vollen Tüte nach Hause, und die Kinder sind meistens so aufgekratzt und müde zugleich, dass sie kaum bis Mitternacht durchhalten. Für unsere Kinder ist das ihr Klingel-und-Süßigkeiten-Fest, nicht Halloween.

Deshalb kann ich dir ehrlich gesagt keinen Erfahrungsbericht darüber schreiben, wie wir das Süßigkeiten-Sammeln an Halloween konkret organisieren, weil wir es nicht tun. Was ich dir aber erzählen kann, und was letztlich sowieso die eigentlich interessante Frage hinter dem Thema ist: wie wir grundsätzlich mit Süßigkeiten und Zucker umgehen, das ganze Jahr über, ob nun an Halloween, Silvester, Geburtstagen oder einem ganz normalen Dienstag.

Warum gerade das Kleinkindalter dabei so eine Rolle spielt

Als Erzieherin sehe ich in meiner Arbeit immer wieder, wie früh sich Geschmacksvorlieben tatsächlich festigen. Kleine Kinder kommen nicht mit einer Vorliebe für sehr süße Lebensmittel auf die Welt, sie entwickeln sie durch Wiederholung. Je häufiger ein Kind sehr intensiv süße Reize bekommt, desto mehr gewöhnt sich sein Geschmackssinn daran, und desto weniger reizvoll wirken im Vergleich dazu die natürlich süßen, aber deutlich milderen Geschmäcker von Obst oder eben Datteln und Honig. Das ist kein Grund zur Panik, aber ein Grund, gerade in den ersten Lebensjahren bewusst hinzuschauen, welche Süße als Standard etabliert wird, bevor sich Gewohnheiten festsetzen, die man später nur mit viel mehr Aufwand wieder verändern kann.

Holzplatte mit Datteln, Rohhonig und frischem Obst als gesunde Süßigkeiten-Alternative

Es geht nicht um Verbot, sondern um Umgang

Wir leben zuhause zuckerarm. Nicht zuckerfrei, das möchte ich klar sagen, sondern sehr bewusst reduziert. Unsere Kinder dürfen Süßigkeiten essen. Was wir aber nicht tun, ist, ihnen aktiv welche anzubieten. Es gibt bei uns keine Süßigkeitenschublade, aus der sich mal eben bedient wird, und keinen Nachtisch, der sich automatisch an jede Mahlzeit anschließt. Wenn Süßes im Spiel ist, dann meistens, weil es von außen dazukommt: ein Geburtstag in der Kita, ein Besuch bei den Großeltern, eben ein Fest wie Rummelpott.

Wenn wir selbst zuhause etwas Süßes anbieten, greifen wir lieber zu Dingen, die neben dem süßen Geschmack auch einen echten Mehrwert für den Körper der Kinder haben: Rohhonig, Datteln, Obst. Das schmeckt süß, macht Spaß, und liefert nebenbei noch Nährstoffe statt nur leerer Kalorien. Das ist für mich der eigentliche Unterschied zwischen „Süßes verbieten“ und „bewusst mit Süßem umgehen“ – wir sagen nicht Nein zu jedem süßen Geschmack, wir wählen nur meistens etwas, das mehr kann als nur süß zu schmecken.

Was ist mit Oma und der Kita?

Die ehrliche Antwort: Ich kann und will nicht kontrollieren, was außerhalb unserer eigenen vier Wände passiert. Wenn die Großeltern ein Stück Kuchen anbieten oder in der Kita ein Geburtstag mit Muffins gefeiert wird, mische ich mich da nicht ein. Ich habe früh für mich entschieden, dass es meine Energie nicht wert ist, jede Süßigkeit zu verhandeln, die mein Kind außerhalb meines eigenen Haushalts angeboten bekommt.
Was zählt, ist nicht, dass mein Kind niemals Zucker von anderen bekommt, sondern dass die Grundhaltung zuhause klar und verlässlich bleibt.
Kinder merken sehr genau, wo ihr Zuhause steht, auch wenn es bei Oma mal anders läuft.

Wenn es doch passiert, verteufle ich es nicht

Und wenn dann doch mal die klassische Süßigkeit auf den Tisch kommt, aus welchem Anlass auch immer: dann verteufle ich das nicht. Kein Drama, keine Extra-Regeln, kein schlechtes Gewissen, das ich meinen Kindern mitgebe. Zucker ist für mich kein verbotenes Gift, über das man nicht spricht, sondern ein ganz normaler Teil unserer Ernährungswelt, mit dem man einen vernünftigen Umgang lernen darf, genau wie mit allem anderen auch.

Kind isst entspannt und zufrieden ein Stück Süßigkeit am Küchentisch

Was ich stattdessen mache: Ich spreche viel mit meinen Kindern über Zucker und darüber, was er im Körper macht, warum man nach viel Süßem manchmal noch mehr Süßes möchte, warum die Zähne davon nicht besonders begeistert sind, warum man von Süßigkeiten allein nicht satt und stark wird. Nicht als Vortrag, nicht als Verbotsliste, sondern eher beiläufig, im Alltag, dann, wenn es gerade passt.

Ganz konkret sieht das bei uns so aus: Wenn meine Kinder Industriezucker essen, bitte ich sie, kurz in sich reinzuhören – ob ihr Körper eigentlich schon genug Zucker hatte, oder ob sie wirklich noch mehr möchten. Das klingt vielleicht erstmal nach viel verlangt für ein Kleinkind, aber es funktioniert erstaunlich oft: in geschätzt 85 Prozent der Fälle hören sie tatsächlich auf oder verzichten sogar ganz, wenn sie kurz in sich reinspüren. Nicht weil ich es ihnen verboten habe, sondern weil sie selbst merken, dass es reicht.

Mein Ziel ist nicht, dass meine Kinder Angst vor Zucker haben oder ihn als etwas Böses abspeichern. Mein Ziel ist, dass sie mit der Zeit selbst einschätzen können, wie viel wovon sich für sie gut anfühlt, und warum.

Warum mir das wichtiger ist als eine Regel

Ich könnte es mir einfacher machen und eine feste Regel aufstellen: eine Süßigkeit am Tag, keine vor dem Mittagessen, sowas in der Art. Das würde vermutlich sogar funktionieren. Aber ich glaube nicht, dass meine Kinder dadurch lernen, mit Zucker umzugehen – sie würden nur lernen, sich an meine Regel zu halten, solange ich in der Nähe bin. Was mit Süßigkeiten passiert, wenn sie mal nicht mehr bei mir sind, in der Schule, bei Freunden, später allein unterwegs, das entscheidet sich nicht an meiner Regel, sondern daran, ob sie in der Zwischenzeit ein eigenes Gefühl dafür entwickelt haben.

Deshalb erkläre ich lieber, statt zu verbieten. Das dauert länger, ist unbequemer, und liefert nicht sofort das saubere Ergebnis einer festen Regel. Aber ich glaube, es ist die Grundlage, die am längsten trägt.

Und ganz ehrlich: perfekt läuft das bei uns auch nicht immer. Es gibt Tage, an denen das In-sich-Reinhören nicht klappt, an denen die dritte Süßigkeit trotzdem gefordert wird, mit Tränen und Trotz und allem, was dazugehört. Das gehört für mich genauso dazu wie die 85 Prozent, an denen es funktioniert. Ich erwarte von einem Zweijährigen keine perfekte Selbstregulation, ich übe sie mit ihm, Schritt für Schritt, mit Rückschlägen inklusive.

Was das jetzt mit Halloween zu tun hat

Auch wenn Süßes oder Saures bei uns keine Rolle spielt: die Frage, wie viele Süßigkeiten an so einem Tag zusammenkommen und wie man damit umgeht, taucht ja trotzdem irgendwo im Jahr auf, bei uns eben am Silvesterabend statt am 31. Oktober. Und ich merke, dass genau dieselben Gedanken gelten, egal an welchem Datum: Es geht nicht darum, den einen Tag mit besonders strengen Regeln zu belegen oder ihn komplett auszuklammern. Es geht darum, dass die Grundhaltung zum Thema Süßes das ganze Jahr über dieselbe bleibt, ein besonderer Tag mit vielen Süßigkeiten ändert daran nichts Grundsätzliches.

Wenn bei euch Süßes oder Saures dazugehört, heißt das für mich nicht automatisch, dass ihr die gesammelten Süßigkeiten wegsperren oder rationieren müsst. Es heißt vielleicht eher: schaut, wie ihr an den anderen 364 Tagen im Jahr mit Süßem umgeht, dann relativiert sich der eine Abend meistens von selbst. Ein Kind, das grundsätzlich einen entspannten Umgang mit Süßigkeiten kennt, gerät durch einen Abend mit vollem Beutel nicht aus der Bahn.

Was bei uns außerdem gut funktioniert: Die gesammelten Süßigkeiten vom Rummelpott-Abend bleiben nicht wochenlang in Reichweite.
Nach zwei, drei Wochen nehme ich, oder mein Mann, den Rest einfach mit zur Arbeit. Die Kinder denken bis dahin ohnehin schon nicht mehr richtig daran, und dann gilt: aus den Augen, aus dem Sinn. Kein großes Gespräch darüber nötig, kein Verhandeln, die Süßigkeiten sind einfach irgendwann nicht mehr da.

Was für eure Familie der richtige Umgang mit Süßigkeiten ist, ob an Halloween, Silvester oder einem gewöhnlichen Sonntag, das könnt am Ende nur ihr selbst herausfinden. Ich will hier niemandem sagen, wie viel Zucker richtig oder falsch ist. Ich wollte dir nur ehrlich zeigen, wie wir das bei uns machen, mit allem, was dazugehört, dem Rohhonig genauso wie den Momenten, in denen einfach eine ganz normale Süßigkeit auf dem Teller landet, ohne dass deswegen die Welt untergeht.

Ob wir bei Halloween überhaupt mitmachen oder nicht, erklär ich dir hier:
Der Gedanke hinter Halloween – feiern wir das bei uns oder nicht?

Und wenn deine Kinder trotzdem was zum Basteln statt Naschen brauchen:
10 Halloween-Bastelideen, die auch mit tapsigen Kleinkind-Händen klappen – Halloween-Bastelideen für Kleinkinder
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Wortanzahl: 1711 Woerter

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