Der Gedanke hinter Halloween
– feiern wir das bei uns oder nicht?
Ich muss ehrlich zugeben: Ich liebe es, mich zu gruseln. Schon als Kind war ich eine echte Bücherratte, die sich mit klopfendem Herzen in spannende Geschichten vertiefen konnte – und das, obwohl ich sonst alles andere als ein Stubenhocker war. Sieben Tage die Woche Sport, ansonsten Schule oder bei Freunden, mein Alltag spielte sich fast komplett draußen und in Bewegung ab. Aber genau in den ruhigen Momenten dazwischen, mit einem Buch in der Hand, war es dieses angenehme Gruseln, das mich am meisten gefesselt hat. Ich glaube, das hat weniger mit Mut zu tun, als man zunächst denken könnte, sondern mit etwas, das man als kontrolliertes Risiko-Erleben bezeichnen könnte: Man setzt sich freiwillig einer Situation aus, die der Körper als bedrohlich einstuft, weiß aber gleichzeitig ganz genau, dass man in Wirklichkeit sicher ist. Dieses Wechselspiel aus Anspannung und der Gewissheit, dass am Ende alles gut ausgeht, empfinden manche Menschen als angenehm und sogar entspannend, andere überhaupt nicht.
Es ist einfach unterschiedlich stark ausgeprägt, wie sehr jemand diesen Nervenkitzel genießt, und das ändert sich auch nicht grundlegend, ob man nun selbst Kinder hat oder nicht. Halloween mag ich deshalb grundsätzlich sehr gern – die Kürbisse, die Kostüme, dieses leichte Kribbeln, wenn es dunkel wird und irgendwo eine Tür mit einem gruseligen Gesicht dran hängt. Und trotzdem stehe ich jedes Jahr aufs Neue vor der Frage, ob und wie wir das bei uns überhaupt feiern sollen, denn ich bin hier oben in Schleswig-Holstein aufgewachsen, und ganz ehrlich: Halloween war bei uns nie ein großes Ding. Kein Nachbar hat Süßigkeiten bereitgestellt, keine Straße war geschmückt, in der Schule wurde es höchstens am Rande erwähnt.
Was bei uns wirklich zählte, war St. Martin mit den Laternenumzügen – das war unser Herbstfest, nicht der Kürbis vor der Tür.
Das bringt mich zu der eigentlichen Frage, die ich mir stelle, seit ich selbst Kinder habe: Ist es überhaupt authentisch, ein Fest zu feiern, das in meiner eigenen Kindheit schlicht nicht vorkam? Oder ist das Quatsch, und Traditionen dürfen sich einfach verändern, ohne dass sie deshalb weniger echt werden? Ich glaube inzwischen, dass die zweite Antwort die ehrlichere ist. Kultur war nie etwas, das für immer feststeht. St. Martin selbst hat sich über Jahrhunderte verändert und regional komplett unterschiedlich entwickelt, Weihnachten, wie wir es heute kennen, ist eine Mischung aus christlichen, germanischen und viktorianischen Elementen, die erst im 19. Jahrhundert so richtig zusammengefügt wurden. Traditionen entstehen, wandern, verändern sich, sterben manchmal aus und werden manchmal neu erfunden. Halloween ist in Deutschland zweifellos ein Import aus den USA, aber selbst die USA haben es wiederum von irisch-schottischen Einwanderern übernommen, die eigentlich das keltische Samhain-Fest mitgebracht hatten – ein Fest, das den Übergang vom Sommer in die dunkle Jahreszeit markierte und bei dem man glaubte, die Grenze zwischen den Welten sei an diesem Abend besonders dünn. Insofern ist auch das amerikanische Halloween selbst schon ein über Jahrhunderte gewandertes und verändertes Fest. Wer bin ich also, zu sagen, dass es bei uns nicht hingehört, nur weil es in meiner eigenen Kindheit nicht vorkam?
Interessant finde ich dabei auch, wie unterschiedlich das selbst innerhalb Deutschlands aussieht. Während bei uns im Norden eher St. Martin und die Laternenumzüge das prägende Herbstfest waren, sieht das im Rheinland oder in anderen Regionen mit starker Karnevalstradition oft ganz anders aus – dort ist die Bereitschaft, sich zu verkleiden und gemeinsam durch die Straßen zu ziehen, ohnehin viel stärker im Jahreskalender verankert, und Halloween fügt sich dort leichter ein, weil es an eine bestehende Kultur des Feierns und Verkleidens andockt. Das zeigt mir, dass die Frage „ist das bei uns Tradition“ eigentlich nie eine nationale, sondern immer eine sehr regionale und familiäre Frage ist. Es gibt nicht „das eine Deutschland“, in dem Halloween entweder dazugehört oder nicht, sondern unzählige kleine, unterschiedliche Traditionslandschaften, und Schleswig-Holstein ist eben eine davon, in der Halloween historisch einfach noch nicht seinen Platz gefunden hatte.
Trotzdem will ich nicht einfach unreflektiert übernehmen, was gerade im Trend liegt, nur weil es überall zu kaufen gibt. Mir ist wichtig, dass das, was wir bei uns zuhause feiern, auch einen echten Sinn für uns hat, nicht nur schöne Deko im Supermarktregal ist. Und da komme ich zu dem Teil, der mich als Erzieherin wirklich interessiert: Was macht das eigentliche Grusel-Erlebnis mit einem Kind, und ab wann, wenn überhaupt, ist das etwas, das man kleinen Kindern zumuten sollte?
Was Angst und Gruseln mit Kindern macht
Kinder lernen von Geburt an, mit Angst umzugehen, und das ist eine der wichtigsten Entwicklungsaufgaben überhaupt. Ein Baby erschrickt bei lauten Geräuschen, ein Kleinkind fürchtet sich vor dem Staubsauger oder vor fremden Menschen, ein Kindergartenkind hat plötzlich Angst im Dunkeln, obwohl es das vorher nie hatte. Das alles ist keine Störung, sondern ein normaler Teil davon, wie sich das kindliche Gehirn entwickelt und lernt, Gefahren einzuschätzen. Was Kinder dabei brauchen, ist nicht die vollständige Abwesenheit von Angst, sondern die Erfahrung, dass Angst aushaltbar und bewältigbar ist, wenn ein sicherer Erwachsener in der Nähe ist. Genau hier setzt auch das sogenannte kontrollierte Gruseln an, das viele Kinder (und Erwachsene wie mich) tatsächlich als angenehm erleben: ein Nervenkitzel, bei dem man weiß, dass man in Wirklichkeit sicher ist, während der Körper trotzdem kurz die Alarmreaktion durchläuft. Das ist derselbe Mechanismus, der Erwachsene dazu bringt, Achterbahn zu fahren oder Horrorfilme zu schauen: eine Art emotionales Training in einem geschützten Rahmen.
Für kleine Kinder unter drei Jahren ist dieser Rahmen allerdings noch kaum vorhanden. Ein Kleinkind kann noch nicht zuverlässig unterscheiden zwischen „das ist nur ein Kostüm“ und „das ist eine echte Gefahr“. Die kognitive Fähigkeit, Fiktion von Realität sauber zu trennen, entwickelt sich erst nach und nach, meist ab etwa drei bis vier Jahren deutlicher, und ist selbst dann noch nicht vollständig gefestigt. Eine gruselige Maske, ein lautes „Buh“ aus dem Dunkeln oder ein Kürbis mit wirklich furchteinflößendem Gesicht kann bei einem Einjährigen deshalb echte, unregulierte Angst auslösen, keinen angenehmen Nervenkitzel. Das ist der Grund, warum ich bei meinen eigenen Bastel- und Aktivitätsideen für diese Altersgruppe konsequent auf den Gruselfaktor verzichte: nicht, weil Halloween grundsätzlich schlecht wäre, sondern weil die Zielgruppe, für die ich schreibe, entwicklungspsychologisch noch nicht so weit ist, dass sie den Unterschied zwischen Spaß-Angst und echter Angst zuverlässig herstellen kann.

Das heißt aber nicht, dass Halloween für kleine Kinder komplett ungeeignet wäre. Es heißt nur, dass die Form entscheidend ist. Ein fröhlicher Kürbis mit lachendem Gesicht, eine niedliche Fledermaus aus Kaffeefilter und Wäscheklammer, eine Kastanien-Spinne mit großen Kulleraugen – all das transportiert die äußere Symbolik von Halloween (Kürbisse, Spinnen, Fledermäuse, Dunkelheit), ohne die Angstkomponente mitzuliefern. Kinder können sich verkleiden, Süßigkeiten sammeln, kleine Rituale mit anderen Kindern teilen, ohne dass irgendetwas davon wirklich beängstigend sein muss. Das ist im Grunde derselbe pädagogische Gedanke wie bei vielen Märchen: Man kann die äußere Form eines Themas aufgreifen, ohne die volle emotionale Wucht des Originals zu übernehmen, weil das Kind noch nicht so weit ist, diese Wucht zu verarbeiten.
Gerade das Verkleiden selbst finde ich dabei entwicklungspsychologisch spannender, als es auf den ersten Blick wirkt. Für Kleinkinder ist Kostüm-Spiel eine Form von Rollenspiel, und Rollenspiel ist eine der wichtigsten Weisen, wie kleine Kinder die Welt begreifen und ihre eigene Identität ausprobieren. Wenn ein zweijähriges Kind sich ein Tier-Kostüm anzieht und plötzlich anfängt, wie dieses Tier zu laufen und zu brummen, übt es damit Perspektivwechsel, symbolisches Denken und emotionalen Ausdruck, alles Fähigkeiten, die weit über Halloween hinaus wichtig sind. Ob das Kostüm nun ein Kürbis, ein Superheld oder ein Dinosaurier ist, spielt für diesen Entwicklungsnutzen kaum eine Rolle. Halloween liefert dafür nur einen zusätzlichen, saisonal passenden Anlass, an dem dieses Verkleiden gesellschaftlich besonders akzeptiert und sogar erwartet wird, was es für Kinder noch leichter macht, sich darauf einzulassen.

Warum Gemeinschaftsrituale wichtig sind, egal woher sie kommen
Ein Aspekt, der mir beim Nachdenken über diese Frage immer wichtiger geworden ist: Kinder profitieren enorm von gemeinsamen, wiederkehrenden Ritualen, unabhängig davon, welchen kulturellen Ursprung diese Rituale haben. Ein Fest, das jedes Jahr zur gleichen Zeit wiederkehrt, mit denselben vertrauten Elementen (Kürbis schnitzen, Kostüm aussuchen, vielleicht ein kleiner Umzug durch die Nachbarschaft), gibt Kindern Orientierung und ein Gefühl von Vorhersehbarkeit. Diese Struktur ist entwicklungspsychologisch wertvoll, ganz unabhängig davon, ob das Fest nun hundert Jahre oder erst zehn Jahre in der eigenen Familie existiert. Kinder merken sich nicht, ob eine Tradition „schon immer“ da war, sie merken sich, dass sie wiederkehrt und dass sie mit positiven Gefühlen, mit Nähe zu den Eltern und mit Gemeinschaft verbunden ist. Genau das ist der eigentliche Kern dessen, was ein Familienritual ausmacht, nicht die Frage, aus welchem Land oder welcher Epoche es ursprünglich stammt.
Hinzu kommt: Wenn andere Kinder in der Kita, im Freundeskreis oder in der Nachbarschaft Halloween feiern, entsteht für das eigene Kind ein Zugehörigkeitsgefühl, wenn es mitmachen darf, und möglicherweise ein Gefühl des Ausgeschlossenseins, wenn es das nicht darf. Das soll kein Argument dafür sein, jedem Trend hinterherzulaufen, nur weil andere es tun. Aber es lohnt sich, ehrlich zu sich selbst zu sein: Lehne ich Halloween ab, weil es mir wirklich fremd ist und ich lieber bei unseren eigenen Traditionen wie St. Martin bleiben möchte, oder lehne ich es nur ab, weil es „nicht meins“ war, obwohl es meinem Kind eigentlich Freude bereiten würde? Diese Unterscheidung zu treffen, ist für mich der eigentlich wichtige Schritt, nicht die Frage, ob Halloween „richtig“ deutsch ist oder nicht.
Meine eigene Antwort
Für mich persönlich läuft es inzwischen auf Folgendes hinaus: Ich feiere Halloween mit unseren Kindern, aber in einer Form, die zu unserem Alltag und zum Alter unserer Kinder passt, nicht in der Form, die ich selbst als erwachsene Grusel-Liebhaberin am spannendsten fände.
Das heißt konkret: Wir basteln fröhliche, niedliche Kürbisse und Fledermäuse statt blutiger Deko, wir verkleiden uns als das, was gerade Spaß macht, nicht zwingend als etwas Furchteinflößendes, und wir verzichten komplett auf alles, was tatsächlich erschrecken soll. Was wir aber gerne mitnehmen: Mittlerweile gibt es in fast jeder Stadt eine Straße, die Halloween genauso aufwendig feiert wie andernorts Weihnachten, mit reichlich Deko und echter Festival-Stimmung. Dort gehen wir als Familie auch hin, meistens aber tagsüber statt abends, damit der Gruselfaktor für die Kinder von vornherein deutlich geringer ausfällt als bei Dunkelheit und Nebelmaschine. So bekommen sie trotzdem etwas von dieser besonderen Stimmung mit, ohne dass es sie überfordert. Mein eigenes Faible fürs Gruseln lebe ich an anderer Stelle aus, nicht über meine Kleinkinder, denn das wäre schlicht das falsche Alter dafür. Gleichzeitig sehe ich keinen Grund, Halloween komplett aus unserem Jahreskalender zu verbannen, nur weil es bei mir früher nicht existierte. Es ist ein zusätzliches kleines Fest geworden, neben St. Martin, neben Weihnachten, neben Ostern – eins von vielen Anlässen im Jahr, die Struktur, Vorfreude und gemeinsame Momente schaffen.

Ob das für jede Familie die richtige Antwort ist, kann ich nicht sagen, und das ist auch gar nicht der Punkt dieses Artikels. Es geht mir nicht darum, dir zu sagen, dass du Halloween feiern solltest oder nicht. Es geht mir darum, zu zeigen, dass es sich lohnt, die eigene Entscheidung bewusst zu treffen, statt sie entweder aus reiner Ablehnung („das ist doch nicht unsere Tradition“) oder aus reinem Mitläufertum („alle machen das jetzt“) zu fällen. Wenn du dich fragst, ob Halloween zu eurer Familie passt, frag dich vielleicht eher: Welchen Teil davon finde ich schön, und welchen Teil würde ich meinem Kind in diesem Alter überhaupt zumuten wollen? Die Antwort darauf kann für jede Familie, für jedes Kind und für jedes Alter wieder anders ausfallen, und genau das ist völlig in Ordnung.
Was mir am Ende am meisten geholfen hat, war, Halloween nicht als Alles-oder-Nichts-Entscheidung zu betrachten, sondern als einen Baukasten, aus dem ich mir die Teile herausnehmen kann, die zu uns passen, und die anderen einfach weglasse. Niemand zwingt mich, Kürbisse mit Fratzen ins Fenster zu stellen, nur weil ich meinen Kindern erlaube, sich als Fledermaus zu verkleiden. Niemand zwingt mich, an der Tür klingelnden Kindern etwas zu geben, nur weil ich selbst mit meinen Kleinen einen Herbstspaziergang mit Kürbissuche mache. Diese Freiheit, sich die passenden Elemente herauszupicken statt ein komplettes, fremdes Traditionspaket unreflektiert zu übernehmen, ist für mich inzwischen der eigentliche Schlüssel geworden – nicht nur bei Halloween, sondern bei jedem Fest, das ursprünglich nicht aus der eigenen Familiengeschichte stammt. Am Ende zählt ohnehin weniger, welches Fest im Kalender steht, sondern wie viel echte gemeinsame Zeit, Vorfreude und Nähe daraus für dich und dein Kind entsteht – und das lässt sich mit einem selbstgebastelten Kürbis aus Klopapierrolle genauso erreichen wie mit der aufwendigsten Deko aus dem Laden.
Wenn du Lust hast, mit deinem Kind selbst loszulegen: In unserem Artikel Halloween-Bastelideen findest du 10 einfache Ideen mit Anleitung, genau die Art fröhlicher, ungruseliger Deko, die wir auch bei uns zuhause basteln.
Wie wir Süßigkeiten und Zucker bei uns konkret handhaben – ganz ohne Verbote – liest du hier:
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